Corona als Chance?

Keiner von uns weiß, was die kommenden Monate bringen werden, nur was in den vergangenen Wochen passiert ist, die rasant schnell und doch quälend lang gewesen sind. Alles, wirklich alles was wir kennen und als normal betrachtet haben, wurde in Frage gestellt. Unser Land und die Welt findet sich in einer Situation wieder, die völlig neu und unberechenbar ist.

Die Menschen sehen sich kaum an, haben ihr Lächeln verloren und versuchen, das Neue zu ergründen und sich damit abzufinden. Als wir gestern einkaufen waren, klagte die Verkäuferin, dass alle so muffelig sind und kaum jemand ein freundliches Wort oder ein Lächeln hat. Ich habe sie beruhigt: das ist die Unsicherheit, jeder ist vollauf damit beschäftigt, alles richtig zu machen und sich und andere zu schützen.

Es ist eine Zeit voller Widersprüche. Wir möchten uns nah sein in der Not, sollen aber Abstand halten. Unser Hamsterrad aus dauernder Erreichbarkeit, schneller und ober-flächlicher Information, der schon in Druck ausartenden Phase des Spaßhabenmüssens in der immer kleiner gewordenen Welt wurde jäh gestoppt, wir purzelten ins Ungewisse und reiben uns staunend die Augen: wo sind wir hier, was passiert gerade und was wird aus uns? Kann jede und jeder von uns abrupt das Gegenteil dessen leben, was uns in den vergangenen fetten Jahrzehnten unverzichtbar war?

Es ging uns gut, sehr gut. Wir durften ohne Krieg in unserem Land leben und gewöhnten uns an den Überfluss, die Ansprüche und Autos wurden immer größer. Alles musste sofort und ohne Einschränkung zur Verfügung stehen, wurde konsumiert und weg-geworfen. Unsere Kinder wurden verwöhnt, niemand brauchte mehr den Geburtstag oder Weihnachten abzuwarten, und jeder Wunsch, der sich gerade den Weg in den Kopf gebahnt hatte, wurde umgehend erfüllt.

Es ging bergauf, wurde immer besser und zur Gewohnheit. Wir waren unbekümmert im Umgang miteinander und mit den Möglichkeiten, nutzten alle Chance und klagten auf hohem Niveau. Oft war das Fehlen eines gewohnten Gebrauchsgegenstands ein Grund zum Verzweifeln, die Milch wurde aus dem anderen Teil des Landes geholt und die Blaubeeren aus Chile, die Menschen waren es gewohnt, alles in Fülle zur Verfügung zu haben.

Und auf einmal ertönt ein lautes STOP!

Kein Wunder, dass sich alle fragten, wie es weiter gehen soll und warum plötzlich nichts mehr so ist wie es war. Wir möchten uns irgendwo festhalten in diesem rasanten Sturz, werden aber aufgefordert, uns einzeln der Situation zu stellen. Wir möchten etwas tun und tätigen Hamsterkäufe, um die Hilflosigkeit nicht in den Vordergrund zu lassen.

Die üblichen Ablenkungsmöglichkeiten funktionieren nicht mehr, wir können weder verreisen noch Freunde treffen, Essen oder ins Kino gehen. Um uns selbst und andere zu schützen, sollen wir zuhause bleiben, und keiner weiß oder ahnt, wie lange das dauern kann.

Liegt darin eine Chance für uns?

Die ersten positiven Berichte sind schon da. Die Erde bekommt die Chance, sich zu erholen, die Touristenzentren haben zwar keine Einnahmen mehr, aber die Natur bekommt eine Pause. Die Menschen sind weder mit Flugzeugen noch mit Autos unterwegs, das bedeutet eine Entlastung für die Umwelt. Die Jugend fordert das ein, und es hätte sich niemals so schnell umsetzen lassen ohne den Virus.

Ich glaube, jede und jeder von uns sollte die Chance nutzen und sich wieder auf sich selbst besinnen. Fragen wir uns mal wieder, was wir wollen und ob unser Leben so verläuft wie wir es uns vorgestellt haben. Es gibt Alternativen zur persönlichen Begeg-nung, das Telefon spielt plötzlich wieder eine Rolle und auf elektronischem Wege kann man jederzeit kommunizieren. Lesen wir wieder einmal ein Buch, schlendern durch den Garten und freuen uns an dem, was schon wächst und blüht, spüren uns selbst und alles um uns herum ohne Ablenkung.

Es lohnt sich auf jeden Fall, bei sich selbst anzukommen!

Lernen wir von unseren vierbeinigen Mitbewohnern: die nehmen es wie es kommt.

Bleibt alle gesund!

Alles Liebe, Eva

Yoga intensiv und Kundalini

Wir sind wieder zuhause nach einer sehr turbulenten dritten Ausbildungswoche im Ashram. Unsere Nachbarn sagen, wir sehen erstaunlich gut aus, ob wir nicht doch eine Wellness-Woche hatten? Eine sprach sogar von runderneuert, was natürlich gut tut.

Am Samstag nach unserem Eintreffen wurde uns das Programm für die Woche näher erläutert, und nach einer fast schlaflosen Nacht stand für uns fest: das können wir nicht schaffen. Am Sonntag morgen waren wir innerlich abreisebereit, aber Christian überzeugte uns, es wenigstens zu versuchen, und so ließen wir uns ein auf das Abenteuer.

Die Kundalini-Woche ist bestens geeignet, um sich selbst auf die Schliche zu kommen, alte Dinge loszulassen und sich dem zu stellen, das man im bisherigen Leben vermieden hat, das wissen wir nun. Es war enorm anstrengend, nicht nur wegen der vielen Stunden, die wir aufmerksam am Boden hockend oder auf einem Stuhl verbracht haben, sondern auch wegen der vielen Prozesse, die in Gang gesetzt wurden. Das Eingemachte kommt so nah an die Oberfläche, dass der Fluchtreflex allgegenwärtig ist.

Froh sind wir auch, viele freundliche und herzliche Gleichgesinnte getroffen zu haben, wir konnten uns gegenseitig Mut zusprechen und fühlen, dass es in der Gemeinschaft leichter ist, Berge zu erklimmen und wieder zu verlassen, denn so empfand ich die Belastungen geistiger, seelischer und physischer Ebene.

Es flossen nicht so viele Tränen wie in den ersten beiden Wochen, aber die Erleichterung über das Losgelassene war intensiv spürbar. Es kam nicht direkt ins Bewußtsein, was selbst ich mit meinem Forscherdrang zulassen konnte, aber nun, mit etwas Abstand sehe ich: einiges ist im Ashram geblieben, auf das ich gern verzichte.

Die Lehrprobe war die größte Herausforderung und die Vorbereitung war nicht einfach, vor allem ging es bei mir um das Thema, nicht wie sonst immer die Schnellste zu sein, sondern mir selbst und den Teilnehmern Ruhe zu schenken.

Was geblieben ist? Die Freude darüber, dass wir beide nicht geflohen sind, sondern uns allen Herausforderungen gestellt haben. Im Herzen ein warmes Gefühl für die Kursleiter, die mit viel Herzblut ihre Gruppe durch die schwierige Woche geführt haben. Die Erinnerung an Gespräche, in denen ich viel erfahren und einiges von mir preisgegeben habe. Die Gewißheit, dass ich durchaus in der Lage bin, extreme Belastungen durchzustehen und das Positive dahinter zu erkennen. Nicht zuletzt der Wunsch, immer weiter und weiter zu gehen, Möglichkeiten gibt es genug!

 

Ende September 2019

Eva, 63 Jahre alt und noch lange nicht interessiert am Thema Rente!

Verloren und wiedergefunden

Ich habe Magenschmerzen, Husten und Schnupfen. Und fühle mich verloren, wie so oft in den letzten Tagen. Was heißt das, sich verloren zu fühlen?

Wen oder was habe ich verloren, und werde ich es wiederfinden?

Findet sich etwas Neues, wenn ich das Alte verloren habe?

Verliere ich mich selbst, eine Eigenschaft, ein Gefühl, eine Angewohnheit?

Wenn ich mich als Person verliere, was bedeutet das genau?

Heißt das, dass ich mich auf die Suche machen sollte nach mir, in alle Ecken sehen, die Wüste durchqueren und das Meer durchschwimmen, um mich dann endlich am anderen Ende der Welt wiederzufinden?

Wenn ich mich dann wiedergefunden habe, was passiert als nächstes?

Fange ich von vorne an, mich zu erkennen, mich zu mögen oder zu lieben und meine Eigenschaften zu akzeptieren, weil ich mich ohnehin nicht ändern kann?

Es fällt mir sehr schwer, meine „schlechten“ Eigenschaften als normalen Teil von mir zu betrachten, da ist es doch leichter, mich selbst zu beschimpfen, weil nicht alles optimal ist, und mir immer wieder vorzunehmen, mich zu verbessern. Ich könnte einfach sagen: so bin ich, und das ist okay.

Nichts ist okay, alles ist verbesserungswürdig. Ich bin eine Baustelle, sollte hier flicken und da neu verputzen, immer auf der Suche nach neuen Problemzonen und Lecks, um mit voller Energie eins nach dem anderen anzugehen, so lange, bis ich endlich richtig bin.

Richtig heißt: wie andere, die Gesellschaft, die Moral es vorschreiben. Sei so und so, dann wirst du akzeptiert. Mach es auf die und die Art, dann sind wir einverstanden. Vermeide dies und erkenne das an, sei freundlich und in jeder Minute richtig, dann kann dir nichts passieren. Dann bist du Teil der Gesellschaft und darfst dich frei bewegen innerhalb der Grenzen. Ausbrechen ist verboten und wird hart bestraft.

Die Gesellschaft, die Regeln und Normen sind in meinem Kopf. Ich habe sie aufgenommen und verinnerlicht und stelle sie nicht mehr in Frage, sondern versuche täglich, sie einzuhalten und „richtig“ zu sein.

Schade eigentlich.

Hätte ich mehr Mut, könnte ich mich über die Grenzen in meinem Kopf hinweg setzen, frei und unkompliziert leben, auch mal faul sein ohne schlechtes Gewissen. Ich müsste nicht ständig hinter irgend etwas her rennen, mich nicht verausgaben bis zur Erschöpfung, um dann fest-zustellen: es war doch wieder ein Stück daneben, nächstes Mal sollte ich es noch perfekter machen, damit nichts auszusetzen ist an meiner Handlungsweise.

Langsam lässt mein Magenschmerz nach. Ich werde die Entwicklung von Verlorensein und Wiederfinden im Auge behalten.

Es tut immer wieder gut, sich auszuschütten, um klarer zu sehen. Ich schreibe, um meine Gedanken zu erkennen.

 

Eva, am Samstag morgen vor Pfingsten. Der Tag wird wunderbar!

Pfingstrose: eigener Garten, fotografiert von Sabine Philipp. Danke dafür!

Yoga Intensiv!

Nun ist der turbulente Monat April schon vorbei, und ich habe nicht einmal aufgeschrieben, was ich erlebt habe. Dabei passt es in mehrere Jahre, so vieles habe ich erfahren!

Am 31. März sind wir nach Bad Meinberg gefahren, um die erste Woche der Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen. Es sind zwei Wochen daraus geworden, nachdem wir festgestellt haben, dass wir uns gerade eingelebt und noch lange nicht genug hatten.

Es waren die anstrengendsten Wochen meines Lebens, nie hätte ich gedacht, dass Sabine und ich das durchstehen: Programm von morgens um 6 bis abends 22 Uhr mit zwei Pausen, in denen noch 45 Minuten Küchendienst enthalten waren, und die meisten Stunden auf dem Boden sitzend. Meine Beine schmerzen noch immer, obwohl wir schon seit drei Wochen wieder zuhause sind, und ich habe auch das Gefühl, noch nicht genug Schlaf nachgeholt zu haben. Dennoch bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung. Nach und nach sickert das Wissen ein, das wir aufgenommen haben, die vielen Eindrücke und Kontakte werden greifbar, ich spüre eine tiefe Erfüllung. Unsere Lebensweise hat sich fast unmerklich den Bedingungen im Ashram angeglichen, wir versuchen unsere Gedanken positiver zu gestalten, die weltlichen Bedürfnisse nicht mehr im Vordergrund zu sehen und uns auf andere Dinge zu konzentrieren.

Natürlich kann ich nicht beschreiben, was alles passiert ist, dazu ist es zu umfangreich, aber durch Erzählungen und Gespräche mit Sabine kommt immer mehr ins Bewusstsein, und mir wird klar, wie groß das Geschenk ist, das wir uns selbst gemacht haben. Mein Horror vor dem 63. Geburtstag hat sich verflüchtigt, ich habe meine Ängste und Probleme mit dem Thema Rente ausgesprochen und meinen Frieden damit gemacht, dass meine gesamte Umgebung sich auf die Rente vorbereitet und freut, ich aber noch lange nichts damit zu tun haben will. Nun, keiner wird mich hindern, so lange weiter zu arbeiten, bis ich selbst den Wunsch habe, mich um meine Rente zu kümmern.

Ich wollte eine neue Herausforderung, bevor der Altenteil winkt, und ich habe sie bekommen. In der Schlussrunde habe ich gesagt: ich habe eine Menge Futter erhalten für Körper, Geist und Seele, und genau so ist es. Wir lernen eine fremde Sprache kennen, Sanskrit, erfahren unseren Körper und unsere Seele neu, denn die Philosophie hinter Yoga ist eine ganzheitliche, dienende und erfüllende Lebensweise. Nach und nach wird klar, wie unwichtig weltlicher Wohlstand ist und wie wichtig das Einssein mit mir und dem Universum. Zwar versuche ich immer noch, beiden Seiten gerecht zu werden, aber da  verschiebt sich allmählich einiges in meinem Kopf und Körper.

Unsere Befürchtungen vor der Ausbildung waren folgende: es wird körperlich sehr anstrengend, vor allem was Yogapraktiken und das Halten der Stellungen betrifft, die Anforderungen sind hoch und wir sind trotz jahrzehntelanger Erfahrung vielleicht nicht in der Lage, das zu schaffen. Diese Ängste haben sich nicht erfüllt, im Gegenteil, die Yogaeinheiten von 2 x 90 Minuten täglich waren die schönsten und entspannendsten Stunden des Tages.

Eigentlich sollte die dritte Woche im Juni dieses Jahres an der Nordsee stattfinden, aber da wir nicht im Zelt übernachten wollen, verschieben wir das auf den November und gönnen uns wieder ein Doppelzimmer. Die Zeit bis dahin können wir nutzen, um zu lernen und Yoga zu praktizieren, und Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude!

„Das Leben funktioniert ohne Anstrengung.“

Eva, nun 63 Jahre alt, im Mai 2019

 

Yoga und Meditation

Wir sind angemeldet für die Yoga-Lehrerausbildung, erste Intensivwoche Ende März. Das ist zwar noch 10 Wochen hin, aber die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: wir reden und lesen, üben ganz anders als sonst und betrachten die Yoga-Zeit als unsere Qualitätszeit. Liebe Katja, das haben wir in erster Linie deiner Begeisterung und Freude an der Ausbildung zu verdanken!

Als die ersten Zweifel kamen, ob ich den körperlichen Anforderungen gerecht werden kann, immerhin beginnt der Tag dann um 6 Uhr und endet um 20.30 Uhr mit wenigen kurzen Pausen, sagte Sabine, ich sollte in dem Buch lesen, das sie schon seit vielen Jahren besitzt. Es hat mich beruhigt und mir gut getan. Ein Satz hat mich sehr beeindruckt: die Übung ist die Belohnung.

Außerdem stand da, es ist wichtig, die Schwerpunkte zu erfassen und das Gewicht des Körpers abzugeben über die Füße, die Sitzhöcker oder die Körperrückseite. Das übe ich nun.

Heute habe ich mir eine Stunde Yoga vorgenommen, unter anderem den ungeliebten Schulterstand mit Hilfe einer Wand, und eine Meditation. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich täglich meditiert habe, das waren die Anfänge meiner Channelausbildung, und ich erinnere mich gut, wie schwierig es war, die Gedanken loszulassen.

Heute habe ich mich besonders auf die Atmung konzentriert während der Sonnengrüße, die ich nicht wie sonst in der Kurzform geübt habe, sondern in der Version für Fortgeschrittene, die ich ja schließlich bin. Seit ungefähr 15 Jahren ist Yoga ein wesentlicher Teil meines Lebens, allerdings lagen die Schwerpunkte in den ersten Jahren darin, die Übungen möglichst präzise und elegant auszuführen. Wenn es um Atmung oder Meditation ging, war ich eher genervt, darum ging es nicht. Ich wollte glänzen mit meinem beweglichen Körper und herausholen was geht, ich wollte gut oder eine der besten sein.

In meinem Kopf wird gerade allerhand umgeschichtet, vor allem versuche ich, den Leistungs-gedanken nicht mehr an erster Stelle zu haben. Das ist schwierig, sehr schwierig. Fast so schwierig wie die Meditation.

In einem der vielen Bücher, die wir gerade konsultieren, stand, man sollte ruhig mehrere Male in die Übung gehen, vor allem wenn sie schwer fällt, und das habe ich heute gemacht. Rückwärts-beugen und Schulterstand gehören absolut nicht zu meinen Favoriten, also habe ich mir die Zeit genommen und immer wieder neu probiert, bis ich mich wohl fühlte. Das hat gut getan, denn meine täglichen morgendlichen Einheiten sind meistens zielgerichtet: ich will meine Nacken- und Schulterprobleme loswerden und mich fit machen für den Tag.

Nach den Übungen habe ich mit Klötzen und Kissen eine gute Haltung eingenommen, um zu meditieren. Es dauerte eine Weile, das Zeitnehmen dafür ist mir noch fremd, aber irgendwann saß ich gerade im Lotussitz, meiner Version davon, mit einem Tuch über dem Kopf und den Schultern, habe mich auf meine Atmung konzentriert und mich gefragt, wie man am besten die vielen Gedanken bündelt. Auch das habe ich gelernt: es geht nicht darum, sie loszuwerden, sondern darum, sie zu bündeln. Plötzlich hatte ich die Idee, alle Gedanken zu bitten, sich um ein Lagerfeuer zu versammeln, und siehe da, es kamen einige Hundert zusammen. Es beruhigte uns alle sehr, in das Feuer zu sehen.

Irgendwann fing ein Vogel an zu singen und meine Gedanken schweiften ab: es ist Januar, hat der sich in der Jahreszeit vertan? Oder ist vielleicht schon Frühling?

Zurück zum Lagerfeuer, es geht hier um die Atmung.

Dann höre ich eine Autotür in der Nachbarschaft, mir wird bewusst, wie herrlich ruhig es hier an einem Sonntag ist, aber sieht mich jemand mit dem Tuch über dem Kopf? Ich kann nicht widerstehen und öffne kurz die Augen. Niemand zu sehen.

Es gelingt mir, noch einmal über die Atmung zur Ruhe zu kommen und meine Gedanken zum Lagerfeuer zu locken, und als ich das nächste Mal die Augen öffne, sind gut 20 Minuten vergangen. Ich finde, das ist schon beachtlich.

Die erste Yogastunde unter den neuen Vorzeichen hat mir sehr gut gefallen und getan, ich werde es fortsetzen und mir gern Zeit für mich selbst geben.

Die leise Stimme des Gefühls

Der Verstand

als Ableger des Gefühls

hat das Verhältnis verloren.

Er plustert sich auf, strotzt nur so vor Selbstbewusstsein

und verhöhnt alles, was „gefühlsduselig“ ist.

Er ist beratungsresistent und fühlt sich grundsätzlich im Recht.

Er kommt damit durch, keiner traut sich, ihn in die Schranken zu verweisen.

Seine Macht scheint unendlich zu sein, er kennt kein Pardon.

Wenn sich einer durchsetzt, dann er, der Verstand!

Die leise Stimme der Gefühle wird immer wieder überhört.

Sie zieht sich zurück und ist kaum noch wahrzunehmen.

Ich bin auch noch da, hör auf mich, nimm mich ernst!

Ha, sagt der Verstand, sei leise,

letzten Endes gewinne ich die Oberhand, das weißt du doch!

Der Kampf der ungleichen Gegner tobt seit vielen Jahren.

Oft hat das Gefühl resigniert, zu mächtig scheint der Einfluss des Verstandes zu sein.

Aber es gibt nicht auf, bleibt am Ball, flüstert eindringlich immer die gleichen Sätze:

Achte auf dich, nimm dich und deine Bedürfnisse ernst,

lebe so, dass es dich glücklich macht!

Glück, höhnt der Verstand, höre ich da Glück!

Es geht um wirklich wichtige Dinge im Leben, es muss etwas erreicht werden,

der Mensch braucht Ziele und Anreize, er muss gefordert werden

und sich in Disziplin üben!

Glück, dass ich nicht lache!

Glück ist eine Augenblicksache,

aber wenn jemand erfolgreich ist, kann er sein ganzes Leben davon profitieren.

Und es geht um Profit, um Leistung und um sichtbare Symbole des Erfolgs.

Das Gefühl hält dagegen:

was nützt der größte Erfolg, wenn der Mensch nicht glücklich ist?

Wie kann sich Zufriedenheit einstellen, wenn es nicht die Augenblicke gibt,

für die es sich zu leben lohnt?

Siehst du, sagt der Verstand, du sprichst auch vom Lohn.

Eigentlich haben wir das gleiche Ziel, gehen nur auf verschiedenen Wegen.

Meiner ist breit und leicht zu bewältigen,

während dein Weg über Umwege, Stock und Stein führt.

Der Mensch ist dumm, wenn er sich darauf einlässt, also halte den Mund

und hör auf, mir ständig dazwischen zu funken.

Sieh ein, dass es um Vernunft geht, Gefühle sind überflüssig!

Der Mensch hat sich dieses Gespräch angehört, und aus reiner Gewohnheit neigt er dazu, dem Verstand Recht zu geben. Es ist doch logisch: Wenn ich die Wahl habe zwischen einem geraden Weg, der mir Komfort bietet und von jedem anerkannt wird, warum soll ich dann den Zickzack wählen, der parallel läuft und mich immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt?

Wenn alle anderen mir signalisieren, dass ich es richtig mache, wenn ich nach mehr strebe, warum sollte ich das Risiko ein gehen, mein Herz sprechen zu lassen und Dinge zu tun, die mich nicht weiter bringen?

(In einem Lied gibt es die Zeile: „Ich bin weit gekommen, doch was soll ich hier?“)

Weil ich Erfahrungen machen und nicht vermeiden will.

Weil ich mutig sein und zu mir stehen will.

Weil ich es satt habe, mitzulaufen und meine Bedürfnisse zu übersehen.

Danke, leise Stimme des Gefühls, dass du nie aufgegeben hast.

Ich werde dir mehr Raum geben und mich von innen leiten lassen.

Ich werde stolz und aufrecht durch mein Leben gehen.

Hoffentlich.

 

Eva Neuner, in großer Zuversicht.

Juli 2018

Das macht mich traurig.

Mein neues Buch gefällt mir gut, sehr gut sogar. So gut, dass ich immer nur weinen könnte. Es ist fesselnd, erreicht mich, ich möchte gar nicht aufhören zu lesen und kann nicht abwarten zu erfahren wie es weiter geht.

Mehr kann man sich doch von einem Buch nicht wünschen, oder?

Genau, mehr kann man sich nicht wünschen.

Ich bin eine Autorin. Genauer gesagt möchte ich gern eine Autorin sein, aber ich habe seit Jahren nichts Vorzeigbares fertig gestellt. Tagebucheinträge ja, ein paar Kurzge-schichten und Gedanken verfolgt, aber kein Buch mehr. Dabei ist es mein größter Wunsch, mal wieder ein Buch zu schreiben, genau so: das mich fesselt, mir Freude macht und mich zufriedenstellt.

Genau weiß ich nicht, warum ich nicht einfach anfange, einem inneren Satz folge oder eine Idee zu Papier bringe, es gibt 1000 Gründe, die dagegen sprechen. Ich möchte es perfekt machen, nichts soll falsch daran sein. Ich möchte niemandem zu nahe treten, es könnte ja sein, dass sich jemand wiedererkennt und mir hinterher Vorwürfe macht. Ich brauche gar nicht erst anzufangen, weil ich keine Möglichkeit mehr habe, es zu binden, ganz zu schweigen von einem Verlag, der interessiert wäre an dem was ich schreibe.

Immer wenn ich das Buch zur Hand nehme, denke ich: das nächste wird sofort gekauft, ich weiß, dass es weitere von Mariana Leky gibt. Die Kritik in einer Zeitschrift war so überwältigend, dass ich gar nicht anders konnte als „Die Herrenausstatterin“ zu kaufen.

Ein besonderer Clou: die Titelgeberin ist noch gar nicht aufgetaucht, obwohl ich schon drei Viertel des Buches gelesen habe, aber ich habe eine Ahnung, wann sie erscheinen wird, und bin gespannt, ob es so ist wie ich denke. Wie gesagt, mehr kann man sich von einem Buch nicht wünschen.

Und wieder steigt das Elend in mir hoch: ach, könnte ich doch, wäre ich nicht so voller Selbstzweifel, Themen gibt es genug und Ideen habe ich mehr als ich Zeit zum Schreiben habe, wenn mir nicht der Mut fehlte. Ich könnte ganze Regale füllen mit Manuskripten und angefangenen Geschichten, Betrachtungen und Büchern. Zwanzig Jahre bin ich schon dran am Thema Schreiben, ich habe es nie ganz aus den Augen verloren, immer verfeinert und viel gelesen, um möglichst viel aufzunehmen, was mir vielleicht dienen könnte, wenn … ja wenn ich den großen Wurf lande, den Bestseller, der mir den Durch-bruch bringt, die Geschichte die viele bewegt und Wellen schlägt!

Liebe Mariana, ich sag einfach mal Du, ich danke für Deine großartige Art zu schreiben.

 


Gestatten, mein Name ist Eva, ich bin 61 Jahre jung und voller Ideen und Zweifel.

Das ist ein anderer Fall

Wie oft habe ich vor dem Fernseher gesessen und gedacht: viele Leute sagen, sie würden alles tun, um ihre Schmerzen loszuwerden und die Beweglichkeit wiederzuerlangen, und sobald es um die Ernährung geht, schreien sie auf: darauf kann ich nicht verzichten!

Nun bin ich in einer solchen Situation, meine nun schon jahrelangen Schmerzen sind offensichtlich eine Arthrose – was für ein häßliches Wort.

Ich fühle tiefe Trauer. Um das, was ich sehr gern esse und für eine Zeit nicht mehr erlaubt sein wird, um unsere Rituale und Gewohnheiten, um das Verwöhn-Essengehen und das Zusammensein mit anderen.

Natürlich sind Weizen und Zucker nicht gut für mich, aber wenn zusätzlich alle Milch-produkte und sogar der Fisch wegfallen, was bleibt? Obst, Gemüse und Nüsse. Alles andere fördert die Entzündung und verhindert die Heilung, so steht es in dem Buch „die Arthrose-Lüge“.

Meine Vernunft sagt: einen Versuch ist es wert, oder wäre mir eine Operation oder dauerhafte Pilleneinnahme lieber?

Das Gefühl in mir will nichts ändern, weil jede Gewohnheit auch Sicherheit gibt, und an das Essen und „sündigen“ sind viele Dinge gekoppelt, die das Wohlbefinden fördern und somit Kraft geben.

Das ist dumm, ich weiß.

Obst und Gemüse sind wunderbar, und als wir zuletzt so gelebt haben, ging es uns kör-perlich sehr gut, wir waren gut gelaunt, belastbar und schmerzfrei, und darum geht es doch, oder?

Ich bin erschüttert, nie hätte ich damit gerechnet, von so einer Krankheit betroffen zu sein. Da sollte ich noch kurz bei Louise Hay nachschlagen, ein Funke Hoffnung bleibt: wenn ich die Ursache herausfinden und beseitigen kann, brauche ich nicht auf Süßig- keiten und Käse zu verzichten. Wie kleinkariert von mir!

Also, beim Thema „Arthritis“ – das ist die akute Form von Arthrose und klingt noch viel unangenehmer – steht: Kritiksucht (wer, ich??), fühlt sich ungeliebt (stimmt, obwohl es tatsächlich nicht so ist) und Groll. Hm. Weiß nicht.


Gestatten, mein Name ist Eva. Ich bin 61 Jahre jung, immer neugierig und bestehe aus gleichen Anteilen aus Weisheit und Dummheit. Theoretisch weiß ich so ziemlich alles, mit der Umsetzung hapert es meistens. Aber genau daran arbeite ich!